Sonderpädagogik

Zweitfach Sonderpädagogik: Inklusion stärken an beruflichen Schulen

Ein kooperatives Studienangebot der Universität Würzburg und der Universität Erlangen-Nürnberg ab Wintersemester 2021/22

Inklusion an Beruflichen Schulen

Seit im Jahr 2017/2018 das Profil „Inklusion“ auch für Berufliche Schulen eingeführt wurde – ein wichtiger Meilenstein für mehr Chancengerechtigkeit und inklusive Bildung – vergeht an vielen Beruflichen Schulen keine Woche, in der nicht einmal der Begriff „Inklusion“ gefallen ist. In vielen Beruflichen Schulen gehört Inklusion sogar schon zum schulischen Alltag – so sollte es ja auch sein! Aber bedeutet dies gleichzeitig, dass die Beruflichen Schulen die personellen Voraussetzungen zur Realisierung von inklusiver Bildung erfüllen? Erleben sich die Lehrkräfte als ausreichend qualifiziert, in einem inklusiven Setting zu unterrichten? Lern- und Verhaltensstörungen treten immer häufiger im Schulalltag auf. Sie belasten den Unterricht und Lernfortschritt der Schüler*innen und erfordern bei den Lehrkräften ein hohes Maß an zusätzlichen Kompetenzen.  Soll Inklusion an den Beruflichen Schulen gelingen, bedarf es nicht nur struktureller und kultureller, sondern auch personeller (Weiter-) Entwicklungen. Bei der Beschulung von Schüler*innen und Auszubildenden mit (sonderpädagogischem) Förderbedarf sollten Lehrkräfte die individuellen Schwächen und Lernvoraussetzungen kennen, um darauf eingehen zu können.

Den Lehrkräften der Beruflichen Schulen steht mittlerweile ein breites Angebot an Fortbildungsmöglichkeiten zum Thema Inklusion zur Verfügung. Zudem können sich Lehrkräfte der Berufs- und Berufsfachschulen in Bayern im Rahmen einer Sonderpädagogischen Zusatzqualifizierung weiterbilden. Unterstützung erfahren die Beruflichen Regelschulen zudem durch Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen als Kooperationslehrkräfte oder im mobilen sonderpädagogischen Dienst. Die sonderpädagogische Expertise scheint für die Umsetzung inklusiver Bildung unverzichtbar, wie auch der Modellversuch Inklusive Berufliche Bildung in Bayern (IBB) gezeigt hat. Dennoch findet man im Bereich der bayerischen Ausbildung von Lehrkräften in der ersten Phase bislang noch keine Verzahnung der Beruflichen Regelschulen mit der Sonderpädagogik.

Ein Leuchtturmprojekt der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Würzburg

Als erste Universität in Bayern bietet nun die Friedrich-Alexander-Universität ErlangenNürnberg (FAU) zum Wintersemester 2021/22 in Kooperation mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) ein neues Fach „Sonderpädagogik“ an. Das Studienfach ist vollständig in das Studium integriert. Es stellt eine Alternative zu etablierten Zweitfächern wie Mathematik oder Englisch oder zu neueren Zweitfächern wie Ethik und Berufssprache Deutsch dar. Das neue Fach richtet sich an die Bachelorstudierenden der Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaften und Berufspädagogik Technik sowie an die Masterstudierenden der Fachrichtungen Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Mit diesem Leuchtturmprojekt reagieren die Teams um Prof. Dr. Roland Stein (Lehrstuhl für Sonderpädagogik V der JMU Würzburg), Prof. Dr. Karl Wilbers (Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung der FAU) sowie Prof. Dr. Nicole Kimmelmann (Professur für Wirtschaftspädagogik der FAU) auf die Notwendigkeit, Inklusion an beruflichen Schulen zu unterstützen und weiter voranzutreiben. Ebenfalls mit beteiligt am Studiengang ist Hans-Walter Kranert, Lehrstuhl für Sonderpädagogik V der Universität Würzburg.

Ziele des Studiengangs und Perspektiven für die Studierenden

Den Studierenden der FAU eröffnet das neue Zweitfach Sonderpädagogik zusätzliche Einsatzgebiete. Zum einen zielen die angebotenen Module darauf ab, angehende Lehrkräfte der beruflichen Schulen zu qualifizieren, Schüler*Innen mit (sonderpädagogischem) Förderbedarf an beruflichen Schulen inklusiv und kompetent beschulen zu können. Zum anderen sollen sie als Multiplikator*Innen und Beauftragte für die Belange von Schüler*Innen mit sonderpädagogischen Förderbedarfen an beruflichen Schulen kollegial beratend und unterstützend tätig werden können.

Von dem neuen Angebot verspricht sich Prof. Dr. Stein als Sonderpädagoge, „dass mehr sonderpädagogische Expertise ins System der beruflichen Schulen kommt und diese den besonderen Förderbedarfen von Schülerinnen und Schülern entgegenkommt, um sie zu unterstützen, aber auch sonderpädagogisches Denken und Handeln grundsätzlich stärker in den Arbeitsalltag der beruflichen Schulen hineinzubringen. Dabei können die so qualifizierten Lehrkräfte auch eine bedeutsame Mittelposition zwischen den berufs- und wirtschaftspädagogischen Professionellen zum einen und den genuin sonderpädagogischen Professionellen zum anderen einnehmen“.

Für die Universität Nürnberg sieht Prof. Dr. Kimmelmann als Berufs- und Wirtschaftspädagogin das neue Fach „als wichtige Qualifizierung von zukünftigen Lehrkräften, um auf die aktuelle Diversität der Lernenden an den beruflichen Schulen adäquat reagieren und diese auch potentialorientiert aufgreifen zu können. Berufliche Bildung hat von jeher den Anspruch, Chancen für Alle zu schaffen. Mit der Zusatzqualifikation in Sonderpädagogik gehen wir hier – neben unserer grundständigen Ausbildung aller Studierenden der Berufs- und Wirtschaftspädagogik im Umgang mit Diversität, Sprache und Inklusion – einen konsequenten Weg hin zu einer inklusiven beruflichen Bildung, die diesem Anspruch auch (zukünftig) gerecht werden kann.“

Prof. Dr. Wilbers ergänzt: „Die sog. Zweitfächer sind ein wichtiger Hebel, auf veränderte Bedarfe in den Schulen zu reagieren und die Attraktivität unserer Studiengänge zu erhöhen. Gerade auch weil es immer eine Zeit braucht, bis wir für die Schulen ‚liefern‘ können. So haben wir vor vielen Jahren das Angebot zur Berufssprache Deutsch und vor zwei Jahren Ethik eingerichtet. Mit dem sonderpädagogischen Angebot reagieren wir in Nürnberg auf eine weitere Herausforderung.“

Aufbau und Inhalte des Studiengangs

Dieser Studiengang ist modular aufgebaut und gliedert sich in vier Fachsemester im Bachelorstudiengang, gefolgt von drei Fachsemestern im Masterstudiengang. Es können insgesamt 70 ECTS erreicht werden. Die Studierenden erwarten Inhalte aus sechs sonderpädagogischen Fachrichtungen – Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen, Pädagogik bei Geistiger Behinderung, Körperbehindertenpädagogik, Sprachheilpädagogik, Pädagogik bei Verhaltensstörungen sowie Pädagogik bei Sehbeeinträchtigungen. Daneben erlangen sie unter anderem Kenntnisse zu Bedingungsfeldern und Erklärungsansätzen für verschiedene Formen von Verhaltensauffälligkeiten und Lernbeeinträchtigungen sowie den damit verbundenen sonderpädagogischen Handlungs- und Fördererfordernissen, sonderpädagogischer Beratung und Grundlagen der sonderpädagogischen Psychologie. Die Inhalte des Studiengangs orientieren sich an die Anforderungen der beruflichen Schulen. Im Studium enthaltende Praktika und Projekte verstärken den Praxisbezug.

Innovative Kooperationsstruktur

Hinter dem neuen Studienfach steht zugleich eine wegweisende Kooperation der beiden Universitäten: Die Module werden aus der Würzburger Sonderpädagogik heraus angeboten – und in den Nürnberger Studiengängen verankert. Dabei finden die einzelnen Veranstaltungen sowohl im Rahmen von Präsenzveranstaltungen an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg als auch am Lehrstuhl V der Julius-Maximilians-Universität statt. Geplant sind zudem interdisziplinäre gemeinsame Lehrformate sowie Angebote im Online- und Blendend- Learning-Format.

Das neue Studienfach bietet eine großartige Bereicherung für die Lehrerbildung. Als Wirtschafts- und Sonderpädagogin kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die sonderpädagogische Expertise nicht nur den Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zugutekommt. Die Studierenden erlangen sowohl für den Umgang mit Heterogenität und Individualität als auch für die Förderung von Schüler*innen mit Verhaltensauffälligkeiten (Ängste, Depressionen, Aggressivität, ADHS) zusätzliche Handlungsstrategien und mehr Sicherheit. Mitte Oktober fällt der Startschuss für den konkreten Einstieg in dieses Leuchtturmprojekt zweier Universitäten.

 

Autorin:

Anja Schölch, Universität Würzburg, Lehrstuhl für Sonderpädagogik V, Wittelsbacherplatz 1, D-97074 Würzburg, mail: anja.schoelch@uni-wuerzburg.de